Ausstellungstext

Tim Leimbach

Wer ist dieser goldgelb leuchtende Mensch im weiten Mantel, der vor einem Lattenzaun den Weg durch die Landschaft zu ertasten scheint? Im Hintergrund stehen zwei dunkle Häuser mit erhellten Fenstern; die Siedlung scheint in einem Hain voller Bäume zu stehen. Das blind tastende Wesen steht vielleicht als Chiffre für die Malerei von Tim Leimbach, für den jeder Beginn vor einer Leinwand einen Weg ins abenteuerliche Unbekannte bedeutet.

Leimbachs Malerei schwankt zwischen abstrakt und naturalistisch und scheint sich – mit einigen Ausreißern – momentan eher in Richtung Abstraktion zu bewegen. Es ist eine prozesshafte Malerei; der Maler beginnt mit einer Pinselgeste, die dann zerstört wird und immer neuen Übermalungen und Lasuren, auch immer neuen Arbeitspausen ausgesetzt wird, bis der Künstler eine endgültige Entscheidung treffen muss. Dieser Vorgang scheint, wenn man die Werke dieser Ausstellung Revue passieren lässt, unabhängig vom Abstraktionsgrad der einzelnen Gemälde zu sein. Oft sind es winzig kleine Details, die den Finish eines Gemäldes auszumachen scheinen. So finden sich zwei winzige blaue Spritzer auf einem Gemälde mit einer schreitenden Figur, die irgendwo zwischen Futurismus und Van Gogh schwankt. Die beiden kleinen blauen Spritzer verlebendigen als kleine pfeffrige Akzente die eher homogen vermalte Hintergrundzone. Dasselbe gilt für ein Bild mit einem Mann in der Natur im Obergeschoss. Hier befinden sich winzig kleine Farbpünktchen auf einer oben gelegenen blauen Zone, so dass der Eindruck eines Sternenhimmels entsteht.

Auch bei den scheinbar ganz abstrakten Gemälden lassen sich immer wieder Silhouetten auf der Leinwand erkennen. Oft sind es nur Vermalungen und Zusammenballungen, die in ihrer verwischten Art an Gemälde der Amerikanerin Joan Mitchell erinnern. Irgendwie jedoch scheint man immer den menschlichen Körper hinter den Malgesten und Farbschichten erspüren zu können.

Auch wenn viele Werke abstrakt sind, bilden sich doch Räume auf den Leinwänden, die durch Tricks der illusionistischen Malerei zu Stande kommen. So erscheinen oft Schatten hinter den Malgesten, so dass die züngelnden Pinselbewegungen einer Arbeit in einem intensiven roten Raum zu flackern scheinen. Diese Räumlichkeit kommt auch anhand einer raffinierten Farbgebung zu Stande, die Leimbach aus der Kunst um 1900 bezieht. So erinnert die Farbigkeit mancher Bilder an Bonnard und Odilon Redon mit ihren matten Grün-, Türkis- und Violetttönen, Farben, die sich auch im Werke der österreichischen Malerin Maria Lassnig wiederfinden. Manches ist farblich so frei wie die Malerei der deutschen Expressionisten.

Leimbach sagt zwar, dass es keinen tieferen Sinn in der Auswahl seiner Bildzeichen zu entdecken gebe; mit einem seiner Hauptthemen, dem Menschen in der Landschaft, reiht er sich jedoch ein in eine gewisse sehr deutsche Tradition. Die lässt sich bis auf die romantische Landschaftsmalerei eines Caspar David Friedrich zurückverfolgen. Auch bei Friedrich erscheint der einsame Mensch als Rückenfigur vor der Welt. Friedrich ging es noch um die Suche nach der Harmonie mit dem Universum, nach dem Verschmelzen mit der Natur. Dagegen zeigen Gemälde im 20. Jahrhundert – so bei dem englischen Künstler Francis Bacon – oft Menschen, die in absoluter Dissonanz mit ihrer Umwelt leben, die zerrissen und zerfleischt wirken.

Derartige Arbeiten setzen sich mit dem grundlegenden Drama des Menschen auseinander, mit dem Problem des in eine oft feindliche Welt „Geworfenseins“ und der Einsamkeit, die uns im Grunde von Anfang bis Ende begleitet.

Es gibt einige Werke in der Ausstellung, die eine kleine Verbeugung vor Bacon zu sein scheinen: zunächst ein in Bewegung zergleitender Körper, der vor einer van Gogh – artigen Landschaft als Maler zur Arbeit eilt, wie Leimbach sagt. Dieses „in Bewegung Zerfasern“ übernimmt Leimbach aus der berühmten futuristischen Plastik eines Umberto Boccioni. Die vielen kunsthistorischen Anspielungen in diesem Bild verschmelzen aber zu einer strengen und recht eigenen Bildgestaltung, die den bewegten Körper in einer Rechteckstruktur rahmt.

Ein anderer Einsamer trägt einen Totenkopf, ein weiterer eine Aderstruktur auf dem Rücken. Hier spielte aber wohl Meister Zufall mit. So war beim Malen eines anderen Bildes dunkle Farbe übrig, so dass sie als Geäder auf diesem Menschen landete. Ich habe Bacon und Maria Lassnig erwähnt. Beide setzen sich auf radikale Weise mit ihrer eigenen Körperlichkeit auseinander. Man meint das physische Unwohlsein der Künstler zu spüren, während sie malten.

Gerade Maria Lassnig hat versucht, in ihren unzähligen Selbstporträts ein bestimmtes Körpergefühl darzustellen, das sich täglich veränderte und zu teilweise albtraumhaften Bildfindungen führte.

Dieses radikale, physische Engagement ist auch im Werk Tim Leimbachs spürbar. In einem Interview beschreibt Tim Leimbach, wie sein Tagesrhythmus im Atelier aussieht. Nach einer Zeit des Wartens und Trödelns muss irgendwann der richtige Augenblick gekommen sein – und dann kann es schon einmal bis tief in die Nacht dauern, der Malprozess lässt den Künstler also nicht los. Dazu gehört auch, dass er an mehrere Arbeiten gleichzeitig malt, manchmal Arbeiten unterbricht und wegstellt – um sie dann nach längerer Zeit neu malen, man braucht augenscheinlich den richtigen Atem zur Malerei, wie ein Jogger, der Schritt und Trab abwechselt.

Die schrittweise Entwicklung von der naturalistischen Malerei zur Abstraktion der vergangenen Jahre führt auch zu collageartigen Kombinationen von Bildelementen. So wird ein etwas betrübt schauendes bebrilltes Gesicht von einem Flamingo und einigen pastosen Pinselhieben verdeckt. Diese freie Zusammenstellung von Bildmotiven entstammt einer Tradition, wie man sie im Dadaismus und im Surrealismus wiederfindet. Tatsächlich ist Tim Leimbach auch durch eine Phase mit einigermaßen surrealistischen Bildfindungen gegangen. Auf der Webpage des Künstlers findet sich zum Beispiel ein pastoser Pinselhieb als Riesenpferd – und wirft Schatten in einem weißen, naturalistisch konzipierten Raum, auf dem ein kleiner Mann auf einem Stuhl etwas verschreckt nach oben schaut. Diesen Surrealismus hat Leimbach allerdings schon hinter sich gelassen. Seine stilistische Entwicklung steht aber eigentlich nicht für einen Identitätswechsel:

Pinselgesten, Fragmente aus der Realität, menschliche Gesichter und Silhouetten werden zu Elementen, mit denen man frei komponieren, schalten und walten kann. Leimbachs Malerei strahlt eine Freiheit aus, die momentan auch viele Künstler im Umfeld der Leipziger Schule auszeichnet, so etwa Neo Rauch. Innere Bilder und äußere Eindrücke, körperliche Gesten und die Eigendynamik des Malprozesses sind gleichrangig. Sie werden also auch gleichrangig zu jazzartigen Kompositionen verbinden.

Vielleicht ist Leimbach im Herzen dann doch auch als Maler … Musiker. Musikalisch genug sind seine Kompositionen jedenfalls.

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